Einmal sehe ich es nicht, dass wikileaks aus dem Internet "verbannt" werden sollte, auch wenn die US-Amerikaner das gerne wollten. Denn jedem der Beteiligten war klar, dass dies nicht möglich ist. Es hat auch kein Unternehmen wikileaks "im Stich gelassen". Alle Unternehmen können sich auf die Problematik mit den Urheberrechten berufen. Ich schreibe absichtlich "können sich", weil ich mir bildlich vorstellen kann, wie die Unternehmensanwälte sichtlich aufatmen, weil sie sich auf eine so glasklare Sache berufen können. Da braucht es keinen US-Druck dazu (denn es unabhängig davon sicher in Form einer informellen Aufforderung gegebenhaben wird). Amazon wird auch nicht wissentlich PirateBay hosten und PayPal wird auch Piratebay nicht direkt Spendenkonten halten wollen.
Ergo ist der Rückzug von wikileaks in ein Gebiet, wo die Urheberrechtefrage noch mehr oder weniger ausser acht gelassen wird doch nur ein logischer weiterer Schritt.
Ich habe gestern den Aufruf von anon kurz im CB-Forum gesehen, die Mods haben ihn dann nach sehr kurzer Zeit wieder gelöscht. Die Aktionen von anon usw halte ich für falsch und kontraproduktiv. Ausserdem halte ich sie für völlig illusorisch. Die in den USA ansässigen Unternehmen werdenauch weiterhin wikileaks nicht hostenoder unterstützen kjönnen, egal wieviele DoS-Attacken gefahren werden. Durch die Attacken werden aber hauptsächlich Unschuldige getroffen. Zudem schadet es dem Ruf von wikileaks, es wird dadurch in eine Ecke mit den sichtbar illegalen Aktivitäten im Internet gestellt. Bei den Demos gegen Volkszählung hat man schliesslich auch keine Häuser angezündet.
Die "Macht des Internets" hat in diesem Fall zwei Folgen: die Aufrechterhaltung von wikileaks und die DoS-Attacken von irgendwelchen Aktivisten mit Scheuklappenweltbild (weil die Unternehmen ja nicht anders hätten reagieren können). Ersteres kann man als gut ansehen, zweiteres sehe ich so, als wenn Kinder drausseauf der Strasse mit geladenen Schrotflinten spielen.
Zudem hat wikileaks ein strukturelles Problem. Solange einer entscheidet was veröffentlicht wird oder nicht, ist keine Neutralität gegeben. Es kann vorselektiert werden, welche Informationen rausgegeben werden, wodurch erreicht werden kann, dass man gezielt bestimmte Gruppen bloßstellen kann. Bei Banken mag das kein großes Problem sein. Bei aussenpolitischen Sachen warte ich mal darauf, ob irgendwo zwischen dritten kleinen Ländern mal ein Krieg ausbricht, bloß weil eine selektierte diplomatische Note ausserhalb des Kontextes von der anderen Seite entsprechend missverstanden wird.
Die darauf folgenden Toten wären natürlich der SuperGAU für den Whistleblower (egal ob wikileaks oder anderweitig). Früher hatte das immer ganz gut geklappt, ohne Internet oder der IT von heute konnte ein Journalist z.B. nicht mal eben auf einmal an den Fast-Komplettbestand eines Ministeriums kommen. Zudem hatte der Journalist auch noch eine gewisse Sorgfalt walten lassen. Ich finde es daher gut, dass wikileaks die Daten erst großen Publikationen zukommen liess. Was ist in Zukunft? Ein Wettbewerb verschiedener whistleblower-Plattformen, die im Konkurrenzkampf um die dramatischten Informationen stehen und dann nicht mehr umsichtig reagieren?
Whistleblowing halte ich für gut und wichtig. Aber ich wo das hier hinführt, ich weiss es nicht. Die Aktionen von anom sind weltfremd, kindisch, Zielen am eigentlichen Problem vorbei und sind nebenbei sowieso kriminell.
Interessant findeich das Verhalten im Netz, Assange als Opfer einer Verschwörung zu deklarieren. Ist es etwa so, dass der Mann jetzt alles tun und lassen kann was er will und er wird vom Netz freigesprochen, weil es sonst eine Verschwörung gäbe? Kein Mensch weiss, ob er was getan hat oder nicht, ausser er selbst und die beiden Frauen. Warum schreit die Hälfte im Netz "er ist 100% unschuldig"? Der verletzte Stolz von zwei Frauen (und damit falscheAnschuldigungen) tritt öfter auf, als eine Verschwörung. Ein Anstiften der beiden Frauen zu den Vorwürfen ist ebenso möglich,genauso wie ein tatsächliches Fehlverhalten von ihm. Das weiss momentan keiner, aber viele schreiben so, als wenn sie es genau wüssten. Da finde ich merkwürdig und zeigt eigentlich, dass Urteilebesser noch von Gerichten gemacht werden, als von der Masse im Netz.