Autor: Drohne
« am: 20. August 2011, 09:13:03 »
Übertakten war für mich eigentlich selten ein Thema. Mein erster Post-AMIGA Rechner war ein Acorn Archimedes mit einer VL86C010 CPU, später umgerüstet auf eine VL86C020. Die CPU hatte 8 MHz, sie "20iger" dann 20 MHz. Für die, die diese CPU nicht kennen: heute, 20 Jahre danach, heißt sie noch immer ARM, ist ein RISC Chip und hat die damalige i386 und i486 Welt mit ihren 25 MHz einfach stehenlassen - und das in einem Maße, daß man es erst hat sehen müssen, bevor man glauben konnte, wie schnell ...
Auch meine zweite Architektur, eine DECstation mit einer mit 33 MHz getakteten MIPS R3010 RISC CPU, gab keinen Anlaß zur Übertaktung. Die aufkommenden "Pestilenzium" waren zwar im Ganzzahlrechnen etwas flotter, aber in puncto Fließkommaarithmetik ... dann werkelte ich hauptsächlich mit Alpah AXP Maschinen, auch hier keine Ambitionen, den Takt höher zu setzen. man wollte ja auch eine mehrere 10k DM teure wissenschaftliche Investition nicht unnötig killen, oder? Mit der erfolgreichen Wintelschen Zerstörung des RISC Lagers und die Streuung dümmlicher Gegenargumente zugunsten des x86-Mülls kamen dann aber auch die ersten x86 Kisten als Workstationersatz und die ersten Übertaktversuche in meinem Umfeld wurden auf AMD Prozessoren gemacht. Aus der Not heraus, denn man konnte mit etwas mehr Takt doch die langen Rechenzeiten der Modelle etwas verkürzen. Mein erster eigener x86-Kasten war dann ein Athlon64, den ich in drei seiner 5 Jahre Lebenszeit mit seinem nominellen Takt von 2,2 GHz fuhr, aber in Ermangelung der passenden, mich befriedigenden Architektur mußte die Kiste dann weitere zwei Jahre mit 2,4 GHz rennen, was im Sommer eher kontraproduktiv war. Dennoch, die Rechenleistung steigerte sich um einige Prozentpunkte und insgesamt konnten Rechenzeiten von mehreren Stunden um einen signifikanten Bruchteil einer Stunde gesenkt werden - das ist bei Testläufen mit vielen negativen Versuchen sehr wertvoll!
Mein Laborrechner ist ein Intel Q6600, den es mit nominell 2,4 GHz und einem FSB mit, ich glaube 266 MHz gab. Zur Zeit rennt diese CPU auf 3 GHz und der FSB ist auf 333 MHz angehoben. Der Geschwindigkeitsvorteil macht sich bei diesem Methusalem schon bei kleineren, nur eine Stunde dauernden Rechnungen bemerkbar. Nun war ja der Q6600 ein sehr gutmütiges Stück Silizium und bedenken, das "Eisen" zu überfordern, hatte ich eigentlich keine, denn die Temperaturen halten sich selbst jetzt im Sommer bei Zimmertemperaturen von zeitweilig 38 Grad C so, daß der Noctua Kühler den Prozessor noch ausreichend kühlen kann und ich arbeiten darf.
Ich stehe dem OC-Gehabe sehr kritisch gegenüber, auch wenn ich es selber betreibe (die Hemmschwelle mit dem Staatseigentum war niedriger als mit meinem privaten 3GHz schnellen E8400 muß ich gestehen ...). Der Gewinn spürbar. Aber der Hersteller wird sich doch etwas dabei gedacht haben, die Taktraten nicht höher auszulegen, als die CPU auf den Markt kam.
Die Techniken, die jetzt Verwendung finden, machen das Übertakten ja nun offiziell zum technischen Standard und ich denke, daß die Endkunden über Jahre hinweg unfreiwillig durch die Suggestion des "Hypes" Versuchskaninchen gespielt haben. Solange man dieses in meinen Augen nicht ganz saubere Spiel der Prozessorhersteller mitmacht, ist das eines jeden eigene Sache. Ich selbst spiele selten, der Rechner ist zum Rechnen da und es gibt nun mal logische Problemstellungen, die sich nur mit viel Aufwand oder gar nicht parallelisieren lassen. Wer selber entwickelt oder entwickeln muß und sich nicht scheut, C, C++ oder Fortran anzufassen, wird wissen, wovon ich spreche. Wie eingangs vom Fadenstarter geschrieben wurde, heute haben wir es mit zuweilen bis zu 10 Kernen, also echte prozessoren auf einem Träger zu tun, früher waren es ja maximal zwei. Zwei auf voller last rennende Prozessoren fallen bzw. fielen bei durchweg nicht paralleler Software/Nutzung eher nicht auf, aber wenn es nun 9 sind, die Energie verbruzzeln und dabei nichts tun, dann ist das schon eine andere Sache. Nun kommt ja das sogenannte Powergating ins Spiel, das Prozessoren abschalten kann. Da die Gesamtwärmeenergie aber pro Gesamtchip berechnet und abgeführt werden muß, ergibt sich ja nun eine diametrale Interessenslage. Deshalb kann ich das derzeit von Intel und AMD praktizierte OC einzelner Baugruppen nachvollziehen und finde es sogar produktiv, solange ich die 24/7 Eigenschaften in puncto Zuverlässigkeit und Stabilität und vor allem Alterung meiner Maschine nicht gefährde.
Das OC mit Spezialkühleinrichtungen hingegen finde ich ist dümmlicher "Sport" und stelle es auf die gleiche Stufe, wie aus sportlichen Gründen Tiere totzuschießen. Eine Energieverschwndung sondergleichen, zudem die versauten Resourcen. Und das alles nur zum Spielen? Da sitzt dann ein übergewichtiges oder spindeldünnes, blasses, fetthaariges Bürschchen Stundenlang vor seiner Glotzkiste und schmureglt Energie aus der Steckdose, die einer Kochplatte alle Ehre machen würde? Sozial, motorisch und geistig einseitig degeneriert ... nein, Danke ;-)