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Planloser Fortschritt: Das Windows 10 Anniversary Update und die Webcams

Internet | 26.08.2016, 18:08
Microsoft hatte die tolle Idee, Webcams für mehrere Apps zeitgleich nutzbar zu machen. Dies ist nach Aussage des zuständigen Entwicklungsteams notwendig, damit Anwendungen wie Windows Hello und Microsoft Hololens jederzeit auf die Kamera zugreifen können. Tatsächlich hat dieser Fortschritt dazu geführt, dass viele Anwendungen gar keine Webcam mehr finden oder nur noch Fehler melden.

Um die Webcams für mehrere parallel laufende Anwendungen nutzbar zu machen, kümmert sich seit dem "Anniversary Update" das Betriebssystem um den Stream und dessen Verteilung. Bei dieser neu geschaffenen Zwischenebene könnte man von einem Webcam-Proxy oder einer virtuellen Kamera sprechen, was erst einmal logisch und recht clever klingt, denn die Kamera muss nicht mehrere Streams erzeugen, was bei einigen Modellen auch gar nicht vorgesehen ist. Doch all jene Kameras, die normalerweise komprimierte Videoströme in Form der Codes MJPEG oder H.264 ausgeben, werden nun davon abgehalten – und das hat weitreichende Folgen. Programme, die einen dieser Codecs erwarten, verweigern den Betrieb, während jene, die unkomprimierte Frames (NV12 für MediaFoundation, YUY2 für DirectShow) verstehen, von einer gewaltigen Datenflut in die Knie gezwungen werden. Statt HD-Auflösung gibt es nur noch die Wahl zwischen einer bescheidenen Auflösung oder einer mageren Framerate.

Nehmen wir die professionellen Videolösungen von Dartfish als Beispiel: Das Unternehmen empfiehlt seinen Kunden die Webcam Logitech C920. Eigentlich eine solide Wahl, doch nach dem "Anniversary Update" sind 30 fps nur noch mit VGA-Auflösung (640 x 480 Pixel) möglich. Wer 1.280 x 720 Bildpunkte, in diesem Fall das Maximum für unkomprimierte Videoströme, wählt, muss mit einer Diashow von 7,5 fps leben. Auch Logitechs C930e schafft bei Verwendung von YUY2 mit 1.280 x 720 Bildpunkten nur 10 fps, und bei Full HD (1.920 x 1.080 Pixel) sind bestenfalls halb so viele Frames pro Sekunde möglich. Alle Anwendungen, die für Kameraaufnahmen auf FFMPEG setzen, sind komplett ohne Funktion, da FFMPEG beim Versuch, auf die Webcam zuzugreifen, abstürzt. Auch in medizinischen und landwirtschaftlichen Anwendungen, die FourCC-Formate wie BY8 oder Y16 verwenden, schlägt der Zugriff auf die Kameras fehl.

Ein gravierender Denkfehler von Microsoft heißt USB 2.0. Diese Schnittstelle, welche auch heute noch viele Webcams nutzen, ist auf maximal 480 Mbit/s spezifiziert und schaufelt bestenfalls 40 MB/s an Daten. Um Full-HD-Inhalte mit 30 fps über USB 2.0 transportieren zu können, werden Codecs wie MJPEG oder H.264 unbedingt benötigt. Und viele professionelle Anwendungen brauchen spezielle Codecs wie BY8 oder Y16, um das Bildmaterial optimal auswerten zu können. Hier einfach den Stecker zu ziehen und alle Entwickler wie Nutzer auf NV12 bzw. YUY2 zu zwingen, ist hochgradig unprofessionell und viel zu kurz gedacht. Nun könnte man sagen, Microsoft habe zu stark auf sein Insider-Programm gesetzt, dessen Mitglieder sich zum größten Teil aus privaten Nutzer rekrutieren – doch das wäre zu kurz gegriffen. Denn die neue Webcam-Architektur wurde bereits Ende Januar in die Insider-Builds integriert, und zeitgleich hatte Microsoft seine Partner über diese Änderung informiert. Offenbar hatten alle Beteiligten gepennt.

Inzwischen ist sich Microsoft des Problems bewusst und arbeitet an einer Lösung. Die Weiterreichung von MJPEG wird derzeit getestet und scheint problemlos zu funktionieren. Ein entsprechender Patch soll in Kürze ausgeliefert werden. Das Thema H.264 scheint etwas komplizierter zu sein, insbesondere in Verbindung mit DirectShow, denn hier lassen sich über die Kamera bestimmte Parameter setzen, die den Videostrom beeinflussen. Das zuständige Entwicklungsteam will seine Änderungen erst gründlich testen, um nichts kaputt zu machen, wobei sich die Frage stellt, was man da noch zerstören kann. Der H.264-Fix soll ebenfalls zeitnah bereitgestellt werden und auch die Probleme mit besonderen Formaten wie BY8 oder Y16 lösen. Voraussichtlich im September werden Mediziner, Landwirte, die Freunde von Videokonferenzen und die Darbieter nackter Tatsachen ihre Kameratechnik wieder in vollem Umfang nutzen können.

Autor: mid
[pg]







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